Sebastian Steudtner
Nürnberg. Sebastian Steudtner, 23 Jahre alt, trainiert. Er trainiert eigentlich immer. Trainiert, um sich an vier, fünf, sechs Tagen im Jahr vollkommen auf seine Athletik verlassen zu können. Steudtner ist Tow-Surfer, einer jener Hasardeure, die sich, am Seil eines Jetskis hängend, in bis zu zwanzig Meter hohe Wellen ziehen lassen, an legendären Orten wie Jaws auf Hawaii. Tow-Surfen ist Geschwindigkeit, wie ein Ski-Abfahrtsläufer rast Steudtner auf seinem Brett mit 70 bis 80 Kilometer pro Stunde die Welle hinab, und wehe, sie schlägt über ihm zusammen.
Steudtner? Klingt nicht sehr hawaiianisch, kein Wunder, der junge Mann kommt aus Nürnberg, und wie er da in einem Café in der Fußgängerzone sitzt und von seinem Sport erzählt, da könnte er auch als Student durchgehen, doch die alte Heimat Nürnberg ist immer nur Zwischenstation, auch in diesen Tagen steht Steudtner auf Abruf bereit. Es ist Wartezeit für den Big-Wave-Weltcup in Chile. Warten auf die Welle - das heißt, die Organisatoren schicken täglich mails, und wenn das Fenster im Computer rot blinkt, bedeutet das: Keine Wellen in Sicht! Wenn es gelb blinkt: Bereithalten! Und bei grün, da rollen die Wellen heran, und die Fahrer haben 48 Stunden Zeit, um in Chile vor Ort zu sein. Dann heißt es: Alles stehen und liegen lassen, Surfbretter packen, Weste, Leine, ein paar Klamotten dazu - und dann los! Doch das Wetter will nicht so recht in den vergangenen Wochen, die meisten Weltcups mussten abgesagt werden, und so plant Steudtner jetzt einen Trainingstrip nach Tahiti. Seine Wintersaison beginnt im November. Dann reist er nach Maui auf Hawaii, in seine zweite Heimat, dort wird er bis April bleiben. Auf Maui ist er ins Windsurf-Internat gegangen, seine Eltern haben das eine Semester finanziert, und dort hat er vor Jahren den Entschluss gefasst, professioneller Tow-Surfer zu werden. Klingt sehr idyllisch: Surfen auf Hawaii - was ist das für eine Szene?
"Sie ist schwierig. Surfer, Windsurfer, Einheimische, Zugereiste - es gibt viele Probleme. Gegenüber den Zugereisten hat das fast rassistische Züge. Helle Hautfarbe - das heißt, du hast automatisch Probleme auf dem Wasser. Viele Profis von außerhalb kapseln sich ab, aber ich wollte immer Kontakt zu den Einheimischen haben. Und so kam ich mit 18 zur Familie von Nelson Armitage junior, meinem jetzigen Jetski-Fahrer, sein Clan, seine Familie hat auf der Insel großen Einfluss, und sie hat gesagt: ,weiß, braun, egal - was du machst, gefällt uns, also machen wir es zusammen!' Durch sie bin ich zum Tow-Surfen gekommen." Was sein Athletiktraining betrifft, so hat sich Steudtner an den Skifahrern orientiert. Der Grazer Sportwissenschaftler Radosav Djukic, der auch schon österreichische Abfahrtstars wie Hermann Maier betreute, schreibt seine Trainingspläne, und darin geht es vor allem um Kraft, Koordination, Schnelligkeit, Balancegefühl. Durch dieses Training, sagt Steudtner, durch seine Fitness könne er sich in den big waves auf das Entscheidende konzentrieren, auf die Frage: Wo bricht die Welle, wo muss ich in Position gehen?
Auch das überleben nach einem Sturz will trainiert sein, mit Apnoe-Tauchen zum Beispiel. Nur mit Brille und Flossen ausgerüstet, schafft es Steudtner in eine Tiefe von 42 Metern. Bei niedrigem Puls kann er die Luft mehr als vier Minuten anhalten, doch das nutzt ihm nichts, denn beim Ritt auf einer Riesenwelle, bei einem Sturz, pocht das Herz bis zum Hals, diese Bedingungen simuliert er im Training: Sprints am Ufer, dann rein ins Wasser und auf dem Meeresboden Steine schleppen. Mit Verlaub, das hört sich reichlich verrückt an.
"Luft anhalten bei hohem Puls ist Kopfsache. Man beginnt mit fünfzehn Sekunden und irgendwann ist man bei neunzig. Der Atemreflex wird abgeschaltet, und wenn du wieder hoch kommst, ist es, als würdest du aufwachen. Du gewöhnt dich daran, dass du unter Wasser bist und hoch willst. Du kannst das Panikgefühl unterdrücken, wenn du weißt: Du hast das trainiert, du kannst es noch eine Minute länger aushalten. Und ich habe in meinen Gedanken etwas, was ich happy place nenne, eine extrem positive Vorstellung, mit der ich mich aus bedrohlichen Situation herausdenken kann. Auch das trainiere ich beim Tauchen." Wie beginnt ein Tag, an dem Riesenwellen auf Maui zurollen?
"Big waves gibt es nicht sehr oft, nur an ein paar Tagen im Jahr. Ich stehe dann um vier auf und esse kräftig. Wir hören die Wellen, es sind 15 Minuten mit dem Auto zum Meer Richtung Jaws. Um sechs müssen wir bereit sein. Das Zeitfenster ist in der Regel zwischen sechs und zehn Uhr. Aber schon um sieben kann alles vorbei sein."
Bei hohen Wellen ist die Bucht bei Jaws überschwemmt, das Gebiet gesperrt, doch Nelson-Boy und seine Freunde haben damit kein Problem: Die Rettungsdienste und Polizeibeamte winken sie durch, die Jetskis werden ins Wasser gezogen, meist sind drei im Einsatz. Nelson-Boy fährt die erste Maschine, an ihr ist das Seil befestigt, Bill Coscarelli, der Mechaniker und ehemalige Kampfjetpilot, steuert die zweite, Bobo Pahukoa die dritte. Dann fahren Nelson und Steudtner raus und warten. Das Brett, zehn Kilo schwer, hat Fußschlaufen aus Gummi, die Leine ist 13 Meter lang, am Ende ein Griff - und dann kommt die Welle, die passen könnte, der Jetski heult auf, Steudtner hängt am Seil. Ein Start wie beim Wasserski, dann fährt Nelson einen weiten Bogen und zieht seinen Partner auf die Welle, die mit fünfzig Kilometer pro Stunde auf die Küste zurollt, ehe sie bricht. Steudtner lässt die Leine los.
Gibt es noch ein Zurück in diesem Moment?
"Ja, für ein paar Sekunden. Ich schaue noch einmal kurz hoch, ob Nelson ein Warnzeichen gibt, wenn nicht, konzentriere ich mich auf die 15, 20 Meter vor mir, schaue immer wieder hoch, wie sich die Welle entwickelt. Es geht darum, Geschwindigkeit aufzunehmen, runterzufahren und sich so kräftig wie möglich in die Kurve zu legen. Das Gefährlichste ist, wenn du zu tief bist, wenn die Welle vor dir zumacht. Der fallende Teil einer Jaws-Welle hat die Masse von 25 olympischen Schwimmbecken, wenn die dir auf den Kopf knallt, geht es mächtig runter."
Was passiert bei einem Sturz?
"Wenn du zu tief bist, hast du noch etwas Zeit, bis der Schlag kommt, du bereitest dich darauf vor, versuchst, mit viel Geschwindigkeit so weit wie möglich nach vorn zu fahren. Es gibt einen kurzen Schub aus Adrenalin und Angst - dann kommt der erste Schlag und du versuchst, dich so klein wie möglich zu machen, dich einzurollen wie ein Ball, damit es dir nicht die Gelenke auskugelt."
Und dann beginnt der „Waschgang", wie das die Surfer nennen?
"Ja, dann kannst du nichts mehr machen, dann musst du abschalten und alles geschehen lassen. Du wirst hin- und her gerissen, drehst dich in eine Richtung, wirst zwanzig Meter in eine andere Richtung geschleudert, dann wieder nach oben, nach unten, du hast keine Orientierung mehr, und irgendwann wirst du nach hinten ausgespuckt. In der ganzen Zeit musst du die Nerven behalten und darfst deine Kräfte nicht vergeuden. Du musst abschalten, aber nicht zu sehr. Ich habe einen Surfer gesehen, der schon an der Oberfläche war, aber die Augen zu hatte und nicht atmete, er hatte sich weggeträumt. Du musst abschalten nach einem Sturz, musst weg sein, aber nicht zu weit."
Was auch immer passiert, Sturz oder nicht, aus eigener Kraft kommt ein Big-Wave-Surfer nicht aus der gefährlichen Zone. Die Bergung ist Aufgabe seines Partners auf dem Jetski. Nelson-Boys Maschine ist getunt. Weil Weißwasser vor allem aus Luft besteht, der Jetantrieb aber solides Wasser benötigt, hat Bill, der Mechaniker, die Maschinen so frisiert, dass zwischen Propeller und Gehäuse kein sichtbarer Abstand mehr besteht. Dadurch erreicht der Motor enormen Druck und der Jetski kommt auch im Weißwasser gut voran. Eine solche Maschine kostet 10000 Dollar, nach einer Saison ist sie Schrott.
Wie funktioniert die Bergung?
"Wir haben 30, 35 Sekunden. Wenn mich Nelson beim ersten Mal kriegt, zieht er mich hoch und fährt uns zur Seite raus. Wenn er mich nicht kriegt, fährt er hinter die nächste Welle und startet einen zweiten Versuch. Alle Jetski-Piloten warten seitlich in der sicheren Zone, und wenn das Zeichen kommt: Da ist einer gestürzt und sein Partner findet ihn nicht, er ist unter Wasser, dann fahren alle rein und suchen. Es gibt unter den Surfern zwar eine große Rivalität, um auf die Welle zu kommen, sie schneiden sich oft rücksichtslos die Linien ab, aber wenn einer nicht gleich gefunden wird, dann helfen alle zusammen."
Steudtner hat sich ganz seinem Traum verschrieben. Er lebe für diesen Sport, sagt er, sein Hirn rattert von früh bis spät mit der Frage, was er optimieren - und wie er alles besser finanzieren könne. Die Sponsoren stehen nicht gerade Schlange, die Vermarktung ist nicht einfach. Im Winter auf Maui arbeitet Steudtner als Zementgießer in der Poolbau-Firma von Nelson Armitage junior. Im nächsten Jahr hofft er, mit einem Film für Aufsehen in Deutschland zu sorgen. Eine Heidelberger Produktionsfirma hat ihn gedreht, zu sehen sind neben spektakulären Ritten auf Riesenwellen auch Land und Leute aus Maui, darunter Nelson-Boy und Bill Coscarelli, aber auch Leute aus anderen sozialen Schichten, persönliche Interviews zu Themen wie Angst, Herausforderung, Versagen, Glück. Der Film, knapp eine Stunde lang, soll auf einer Tour vorgestellt werden, Berlin, Hamburg, München, Zürich, Salzburg, natürlich Nürnberg sind bereits gebucht. Die Hawaiianer sollen dann vor Ort sein, und bei Häppchen und hippen Getränken sollen endlich mehr deutsche Sponsoren auf einen Sportler aufmerksam werden, der zu den ungewöhnlichsten hierzulande zählt. Steudtner jedenfalls hofft, dass sich Leute finden, die ihn und seinen Traum unterstützen. So oder aber wird er weitermachen. Sein Ziel ist klar: Er will der Beste werden, der Beste auf der größten Welle.
